Seit rd. 7 Jahren gibt es nun schon den Blauen Engel für Rechenzentren – das Umweltzeichen für einen energieeffizienten und ressourcenschonenden Rechenzentrumsbetrieb. Ein wichtiges Zeichen in Sachen Nachhaltigkeit, wenn man sich vergegenwärtigt, dass deutsche Rechenzentren so viel Strom verbrauchen, wie vier Kohle-Kraftwerke produzieren. Frau Köhn vom Umweltbundesamt gibt uns als Gastautorin einen tieferen Einblick in die Materie und einen Ausblick auf den anstehenden Workshop, in welchem diskutiert wird ob und wie sich der Blaue Engel für Colocation Anbieter und Anwender realisieren lässt.

 

Blauer Engel für Rechenzentren

Der Blaue Engel gilt für alle Bereiche eines Rechenzentrums sowie dessen Infrastruktur. Wichtig ist nicht nur die Energieeffizienz der einzelnen Komponenten, sondern ein umweltbewusstes Management des gesamten Rechenzentrums. Dies beinhaltet auch dass die Kapazität der eingesetzten Hardware besser ausgelastet wird. Der Betreiber eines Rechenzentrums muss nachweisen, dass er dieses energieeffizient und ressourcenschonend betreibt. Außerdem verpflichtet er sich, langfristig weitere Anstrengungen zu unternehmen, die Energie- und Ressourceneffizienz noch weiter zu optimieren.

 

Der Start

Die Idee des Blauen Engels für Rechenzentren entstand bei uns im Umweltbundesamt. Gemeinsam mit Experten aus der Branche haben wir dieses Umweltzeichen in einem transparenten Gemeinschaftsprojekt erarbeitet. Der erste Blaue Engel wurde im Jahr 2011 aus der Taufe gehoben. Vorausgegangen waren diesem Schritt zwei Jahre der intensiven Diskussion und Erarbeitung des Konzeptes. Bis dato gab es noch kein Umweltzeichen für Rechenzentrumsdienstleitungen und wir haben uns die Frage gestellt, wie dieser neue Engel genau aussehen kann und wie die Ressourcen- und Energieeffizienz eines Rechenzentrums über Messgröße ausgewiesen werden kann. Die wichtigste Anforderung in diesem Zusammenhang war, alle Aspekte eines Rechenzentrums zu adressieren und Rechenzentren auszuzeichnen, welche besonders Energie- und Ressourceneffizient betrieben werden.

Die Entwicklung des Blaue Engel für Rechenzentren wurde durch ein Forschungsvorhaben  begleitet, in welchem die Mindestanforderungen überprüft wurden.

 

Das Finetuning

Im Jahre 2012 gab es noch einige Änderungen. Zunächst wurden in den Mindestanforderungen spezifische Techniken verlangt. Wir haben aber schnell festgestellt, dass es besser ist, wenn Anforderungen von der Technik losgelöst sind. So werden weder Techniken bevorzugt noch andere innovative Techniken ausgeschlossen.

Generell werden die gestellten Anforderungen bisher alle 3 Jahre überprüft und ggf. nachjustiert. Dies findet im Rahmen eines Fachgesprächs und in der offiziellen Expertenanhörung statt, welches ein fester Bestandteil des Blauen Engel-Prozesses darstellt. Vor rd. einem Monat hat die Expertenanhörung stattgefunden, auf der die geänderten und neuen Anforderungen des Blauen Engels diskutiert und einvernehmlich abgestimmt wurden. Die aktualisierten Vergabekriterien dürften damit voraussichtlich im Januar erscheinen.

 

Die Messbarkeit verbessern 

Bei der Beschäftigung mit der Messbarkeit der Energie- und Ressourceneffizienz eines Rechenzentrums war uns schnell klar, dass die vorhandenen Indikatoren in ihrer Aussagekraft ungenau sind oder nur Teilaspekte des Rechenzentrums beschreiben. Vertalerweise sagt der – in der Branche überwiegend genutzte – Indikator PUE (Power Usage Effectivness) nichts über die Energieeffizienz des Kerngeschäfts eines Rechenzentrums aus, nämlich Rechen- und Speicherleistung  zu erbringen und Daten von A nach B zu transportieren. Vor diesem Hintergrund haben wir in 2015 mit der Entwicklung  geeigneter Indikatoren zur ganzheitlichen Beurteilung der Umweltwirkungen von Rechenzentren begonnen. Mit unserer Methode KPI4DCE ist es nun erstmalig möglich die Energie- und Ressourceneffizienz eines Rechenzentrums beurteilen zu können.

 

Was wir noch vorhaben

Diese Methode wollen wir weiterentwickeln und durch Anwendung in der Praxis die Aussagekraft und Richtungssicherheit überprüfen. Darüber hinaus soll KPI4DCE im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung um ökonomische Aspekte erweitert werden, welche das Management von Rechenzentrumsbetreibern dabei unterstützen soll informierte Entscheidungen abwägen zu können. Zum Beispiel, was bedeutet es, wenn die Server in meinem Rechenzentrum länger als bisher üblich betrieben werden, sowohl für die Umwelt als auch für mein Budget?

 

Wer sich zertifiziert

Der Blaue Engel ist vor allem für Rechenzentrumsbetreiber, die ihre Dienstleistungen am Markt anbieten, von hohem Interesse.

Dennoch haben viele Rechenzentren den Zertifizierungsprozess einmalig durchlaufen oder die Kriterien umgesetzt ohne sich zu zertifizieren. Egal für welchen Zweck die Kriterien im Rechenzentrum angewendet werden, es trägt dazu bei, dass bares Geld eingespart wird und natürliche Ressourcen geschont werden.

Die Rechenzentren der Bundesregierung sollen bei der Bewertung der Energie- und Ressourceneffizienz grundsätzlich die Kriterien des „Blauen Engels“ für einen energiebewussten Rechenzentrumsbetrieb anwenden. Die IT-Dienstleister müssen sich beim Ausbau ihrer Dienstleistungszentren an diesen Kriterien orientieren und berichten jährlich zum Erreichten.

Die Kriterien des Blauen Engels haben aber noch eine ganz andere Wirkung: die Kriterien haben wir in sog. Beschaffungsempfehlungen übersetzt. Wenn man als Unternehmen oder Behörde beispielsweise seine Server bei einem Colocation-Rechenzentrum unterstellen und dort die entsprechende Infrastruktur nutzen möchte, geben wir Kriterien vor, die er bei der Ausschreibung dieser Leistung berücksichtigen soll, um hier mögliche Energie- und Ressourceneffizienz des Dienstleisters zu erhalten.

Die regelmäßigen Überprüfungen und neuerlichen Zertifizierungsprozesse machen jedoch nicht alle Rechenzentren mit. Manche von ihnen sind z.B nur für ein Jahr bzw. bis zur Novellierung des Umweltzeichens dabei. Denn auch die Rechenzentren, die bereits Zeichennutzer des Blauen Engels sind,  müssen nach der Überarbeitung der Anforderungen die Erfüllung dieser zur Überprüfung stellen.

  

KPI4DCE: das Monitoring ist das A und O

Die Feldmessungen, sowie die Ergebnisse der bereits zertifizierten Rechenzentren haben gezeigt, dass die Betreiber Ihren Verbrauch und die Auslastung der Technik oft falsch einschätzen. Daher, wird meiner Meinung nach das Monitoring in der Branche völlig unterschätzt. Dies ist aber von enormer Bedeutung und könnte auch ein Anstoß für viele sein, den Blauen Engel zu erwerben, denn der Blauen Engel enthält ein verbindliches Messkonzept zum Monitoring des Energieverbrauchs, der Klimatisierung und der IT-Ressourcen. Dies ist für die Branche ein Novum. Denn die Auslastung bspw. der CPU im Server wird bislang eher weniger Beachtung geschenkt. Im Rahmen unserer Forschungen haben wir herausgefunden, dass Rechenzentrumsbetreiber meistens gar keinen Überblick über ihre tatsächliche Serverauslastung haben. Zumal sie in den von uns untersuchten Rechenzentren sehr schlecht ist. Um aber überhaupt an der Effizienzschraube drehen zu können, muss ich zunächst einmal Kenntnis darüber erlangen, wie viel der vorhandenen Rechenkapazität wird genutzt. Erst dann kann darüber entscheiden werden: Ob neue Technik benötigt wird oder ob über Virtualisierung die vorhandene Rechenkapazität ausgenutzt wird? Hält sich ein Rechenzentrum an die Anforderungen des Blauen Engels, spart der Betreiber nachweislich Geld. Die Erfüllung der Kriterien bedeutet: geringerer Energieverbrauch, weniger Investition in Technik und weniger Klimatisierung.

 

Umdenken nötig

Angesichts des anhaltenden Digitalisierungsprozesses wird der Bedarf an Rechenzentrumsleistung weiter steigen. Einerseits verspricht die Digitalisierung viele Möglichkeiten, Energie effizienter zu nutzen und den Materialeinsatz zu optimiert. Andererseits verschlingen die IKT große Mengen an Energie und Rohstoffen.  Daher ist es zwingend nötig, die hohen Ineffizienzen in Rechenzentren zu  minimieren und die Überkapazitäten runterzufahren. Auf Dauer kann es sich niemand leisten immer neue Rechenzentren zu bauen, oder bestehende weiter zu vergrößern. Mehr Technik zu installieren bedeutet mehr Energie und Rohstoffe zu verbrauchen. Wir wollen aber nicht nur eine effiziente Infrastruktur schaffen, sondern ein effizientes Rechenzentrum. Das lässt sich jedoch nur umsetzen, wenn wir auch die IT-Technik effizient betreiben also die vorhandenen Kapazitäten intelligent nutzen.

 

Workshop: Blauer Engel für Colocation-Betreiber

Das Umweltbundesamt bietet interessierten Colocation-Betreibern am 26. November, 13:00-17:00 Uhr, einen Workshop zum Thema Blauer Engel an. Für Mitglieder des eco e.V. ist die Teilnahme kostenlos. Ort der Veranstaltung ist Frankfurt/Main.

Zusammen mit Betreibern von Colocation- Rechenzentren und Interessierten wollen wir das Konzept eines Blauen Engels für Rechenzentrumsinfrastruktur entwickeln und gemeinsam erörtern, wie sich der Blaue Engel in der Colocation-Branche realisieren lässt. Das Konzept muss auf jeden Fall alle Rechenzentrumsbetreiber ansprechen. Denn schließlich sollten alle Interessierten die Möglichkeit haben, die geforderten Kriterien auch umzusetzen.

 

 

 

 

Über den Author

Marina Köhn

Marina Köhn ist Informatikerin und seit 1992 im Umwelt­bundesamt tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte bilden umwelt­bezogene Systemvergleiche, insbesondere im Aktionsfeld Informations- und Kommunikationstechnik (IKT). Aus dieser Arbeit heraus sind Forschungsprojekte entstanden, die die Potenziale der Ressourceninanspruchnahmen in der  IKT ermitteln und Handlungsalternativen zu ihrer Aktivierung entwerfen. Mit den Fragen rund um das Thema Green-IT beschäftigt Sie sich seit einigen Jahren. Im Rahmen dieser Tätigkeit ist der Blaue Engel für den energieeffizienten Rechenzentrumsbetrieb entstanden.

 

Für mehr Informationen

Marina Köhn ist Mitarbeiterin des Umweltbundesamtes. Sie verantwortet den Bereich Green-IT und ist hier speziell für das Umweltzeichen Blauer Engel für Rechenzentren zuständig. Tel.: (0340) 2103 5422
E-Mail:marina.koehn@uba.de. Vernetzen Sie sich mit Frau Köhn, sie ist auf vielen Veranstaltungen vor Ort und stellt dort z.B. die Ergebnisse des KPI für DCE vor.  

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