Panikmache und Hysterie haben durch und in sozialen Medien Hochkonjunktur, zumal sie beim Verkaufen helfen. Im Falle von Rechenzentren etwa ausgefeilte Schutz- und Sicherheitseinrichtungen. Was aber ist wirklich nötig? Welche Gefahren drohen einem RZ tatsächlich? Hier lohnt sich ein Blick in Bernd Dürrs Standardwerk „IT-Räume und Rechenzentren planen und betreiben“, dass dieses Jahr neu aufgelegt worden ist.

 

Wir präsentieren ausgewählte Kapitel daraus in gekürzter Form, heute besagte Gefahren für das Rechenzentrum. Dürr betrachtet dabei alleine „physikalische“ Gefahren, Bedrohungen aus dem Internet durch Malware, Distributed Denial of Service-Attacken oder Hacker muss alleine die IT abwehren.

Der Autor kategorisiert die möglichen Gefahren nach ihrer jeweiligen Ursache in fünf Gruppen:

 

Infrastruktur und Technik

In diese Kategorie fällt jegliche Bedrohung, welche Ausfall oder Verlust der Infrastruktur und Technik als Ursache haben. Betreiber müssen sich für folgende Katastrophenszenarien rüsten:

  • Stromausfall irgendwo in der gesamten Versorgungskette zwischen Energieversorger und IT-Hardware
  • Ausgleichsströme durch fehlende Erdung und Potentialausgleich sowie generell „schlechtere“ Elektroversorgung wie Brücken zwischen N und PE etc.
  • Überspannungen aus Schalthandlungen, Technikanlagen etc.
  • Kabelbrand durch Überlast oder sonstige Ursachen
  • Ausfall der Kommunikationsverbindungen
  • Ausfall der Klimatisierung, somit Überhitzung der IT-Komponenten
  • Hardware- und Softwaredefekte
  • Rauchgase und Feuer
  • Nicht anlaufende NEA-Anlagen durch „schlechten“ Kraftstoff etc.

 

Mitarbeiter

Aus Studien von Sicherheitsanbietern wissen wir aber, dass die größte Gefahr in Unternehmen von den Mitarbeitern ausgeht. Dies ist in Rechenzentren nicht viel anders. Gerade frustrierte Mitarbeiter stellen laut Dürr eine mögliche interne Bedrohung dar, da sie durch ihre entsprechenden Fach- und Ortskenntnisse viel Schaden anrichten können.

Dürr führt eine Gallup-Studie an, wonach ganze 66 Prozent der Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber gegenüber keine Verpflichtung verspüren und Dienst nach Vorschrift machen. Gerade einmal elf Prozent würden sich engagiert an die Arbeit machen, bereits jeder vierte Mitarbeiter habe innerlich gekündigt. Diese Situation wird sich nach Meinung Dürrs so schnell nicht zum Besseren wenden, denn „der Faktor Mensch“ werde im Zuge des immer stärker werdenden Drucks nach Umsatz, durch schlechte Führung und ständigen Umstrukturierungen „immer mehr zur Maschine mit einer Personalnummer“. Solchermaßen frustriert könnten manchen Angestellten „die Sicherungen durchbrennen“. Dürr mahnt die Arbeitgeber endlich umzudenken, sonst werde der Trend anhalten und die Zahl der frustrierten Mitarbeiter zulegen.

Es seien jedoch nicht immer frustrierte Mitarbeiter, die die Infrastruktur sabotierten. Schaden könne auch entstehen durch

  • Unachtsamkeit beim Vorbeigehen an Datenschränken
  • Durchführung von falschen Schalthandlungen
  • Unwissenheit
  • Menschliches Versagen
  • Computerviren im Datennetz über Laptops o.Ä. durch Mitarbeiter versehentlich oder bewusst eingeschleppt
  • Missbrauch von Software
  • Diebstahl

 

Externe Menschen

Der heutige Dieb und Saboteur kommt wie eingangs angedeutet meistens über das Datennetz, hier wären u.a. Schlagworte wie Computer-Viren, gezieltes Hacking oder Phishing zu nennen. Dennoch dürfe der reale Mensch vor Ort als Bedrohung nicht unterschätzt werden. Dürr verweist auf den 11. September 2001 und die ständige Terrorgefahr, die uns alle umgebe. So benennt er denn folgende externe Gefahren können sein:

  • Realer Einbruch
  •  Sabotage
  • Spionage
  • Vandalismus
  • Flugzeugabstürze oder bewusste Sabotage aus der Luft mittels Drohnen etc.
  • Verkehrsunfälle in unmittelbarer Nähe mit Gefahrguttransportern o.Ä.
  • Terrorgefahr durch Bomben oder gekaperte Fahrzeuge

 

Witterungseinflüsse

Wieder erlebt Deutschland einen sehr heißen Sommer, die globale Erderwärmung ist ein ständiges Thema in den Medien. Scheinbar sind Wetterextreme „mittlerweile keine Ausnahmen mehr, sondern fast schon die Regel“, so Dürr. Er hält folgende wetterbedingte Schäden für möglich:

  • Starke Kälte und Frost
  • Schneemassen
  • Wassereinbruch
  • Sturm
  • Blitzeinschlag
  • Spannungsschwankungen in den globalen europäischen Stromnetzverbünden
  • Hitzerekorde über längere Zeiträume

Der Autor sieht für die Zukunft keine Verbesserung der Situation voraus, sondern verweist vielmehr auf die Broschüre „Herausforderung Klimawandel“ des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. Darin wurde unter anderem untersucht, wie sich die Stürme und der Hagel in den Sommer- und Wintermonaten in Zukunft entwickeln. Dabei wurden die Ergebnisse der Klimaforschung mit den bisher ermittelten Schadensätzen bei Sturmschäden verknüpft. Auf Basis der Studie prognostiziert Dürr für Deutschland eine durchschnittliche Steigerung von sieben Prozent für die Jahre 2011 bis 2040.

Danach wird es nicht besser, im Gegenteil: Die Steigerung der weiteren 29 Jahre von 2041 bis 2070 liegt bei erwarteten 28 Prozent. Auffallend dabei sei, so Dürr, dass vor allem die Sommermonate schadensträchtiger und damit auch teurer werden können. Folgende Prognosen könnten als sicher gelten:

  • Hagelschäden im Sommer werden mehr
  • Im Westen Deutschlands nehmen die Sturmschäden am stärksten zu
  • Die extremen Unwetter werden noch heftiger, die Schäden größer

 

Umweltkatastrophen

Kaum ein Jahr ohne neues Jahrhunderthochwasser – Dürr rechnet damit, dass die Pegelstände von Deutschlands Flüssen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch dramatischer ausfallen werden. Dadurch seien auch vermeintlich akzeptierte und beherrschbare Risiken plötzlich Realität, als da wären Hochwasser und Überschwemmungen, Erdrutsche, Erdbeben und dadurch ausgelöste Explosionen. Gerade in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts müsse mit größeren Veränderungen gerechnet werden.

Keine schönen Aussichten – aber für den Bau von neuen Rechenzentren sollte immer vom Schlimmsten ausgegangen werden. So kann im Katastrophenfall Schlimmstes verhindert werden.

 

 

Über das Buch

Das Handbuch von Dipl.-Ing. (FH) Bernd Dürr lässt kein Detail aus dem RZ-Bau aus – die Tiefe der Darstellung verschiedener Aspekte, angefangen bei der Standortwahl über bauliche Maßnahmen an bestehenden RZ, Stromversorgung und Sicherheitstechnik bis zum Management des Betriebs, ist beeindruckend.

In der Neuauflage des erstmals 2013 erschienenen Buches sind zahlreiche Themen dazugekommen. Darunter die Rechenzentrumsnorm DIN EN 50600 oder die „Begrünung“ von RZ durch noch höhere Energieeffizienz. Die verschiedenen Formen der Energieeinsparung bewegen die Branche wie kaum ein anderes Thema, war auf dem Rechenzentrumskongress future thinking im April zu beobachten. Entsprechend hoch ist die Bedeutung der Energie-Effizienz u.a. durch Luft-/Luft-Wärmetauscher und die Nutzung von natürlichen Energiequellen.

Weitere Kapitel widmen sich unter anderem der steuerlichen Absetzbarkeit, Versicherungen, Verkabelungssysteme und was die Rechenzentrumsnorm dazu sagt, die „Geheimnisse“ des Differenzstroms, zentraler Erdungspunkt, Selektivität und Neutralleiter oder auch Notstromtechnik.

Das 685-Seiten starke Handbuch „IT-Räume und Rechenzentren planen und betreiben“ von Bernd Dürr ist im Verlag Bau+Technik erschienen und unter der Nummer ISBN 978-3-7640-0626-6 zu bestellen.

 

IT-Verantwortliche sind in der Pflicht – Compliance

Dem Modulbau-Rechenzentrum gehört die Zukunft

 

Rückmeldungen