Diese Woche feierte die Datacenter-Branche sich auf der neunten Rechenzentrumskongress future thinking im Wissenschafts- und Kongresszentrum darmstadtium in Darmstadt selbst. Mit Recht: Der Bau neuer Rechenzentren boomt, bestehende Einrichtungen sind ausgelastet. Wir haben uns bei den Besuchern umgehört, was für Sie die herausragenden Themen des zweitägigen Kongresses waren.

 

Fachkräftemangel als Topthema der future thinking

Im Vorfeld war der Fachkräftemangel im Rechenzentrum (RZ) als vielleicht DAS dringendste Problem der Betreiber zurzeit genannt worden – auch der Autor dieser Zeilen durfte dazu einen Vortrag auf Basis eines jüngst veröffentlichten eBooks und einer Umfrage von Datacenter-Insider halten. Weiterführend referierte Blanka Bundschuh vom future thinking-Veranstalter dc-ce RZ-Beratung über eine von ihr betreute Schulungsplattform im RZ-Bereich.

Klar wurde durch beide Vorträge, dass zum einen der Fachkräftemangel in der Branche sehr real ist, zum anderen die Betreiber ihr Personal selber weiterschulen müssen, um bei der schnelllebigen Technik von heute immer auf dem Laufenden zu bleiben. „Ich halte es für zielführend, wenn die Personalabteilungen der RZ-Unternehmen vorausschauend Pläne zur Kompetenzentwicklung ihrer Mitarbeiter entwerfen. Nur so können Entwicklungsmaßnahmen für die einzelnen Funktionen im Betrieb gezielt organisiert werden“, so Bundschuh.

Ulrich Terrahe, Geschäftsführer der dc-ce RZ-Beratung

„Der Fachkräftemangel ist für die Branche so akut, dass er dieses Jahr zum Thema Nummer eins geworden ist“, bestätigte auch future thinking-Veranstalter Ulrich Terrahe, Geschäftsführer der dc-ce RZ-Beratung. „Die Betreiber interessiert brennend, wie man am besten gegensteuert, was man da machen kann.“ Darüber hinaus hält er die Digitalisierung für ein drängendes Problem: „Nicht nur die Digitalisierung der Wirtschaft bzw. der Welt, sondern speziell Digitalisierungstechnologien für das Rechenzentrum sind ein spannendes Thema.“

 

 

Edge-Rechenzentren boomen

Viel Aufmerksamkeit erhielten auch die anderen „großen“ Themen der future thinking 2018 wie Colocation, Edge und Cloud oder die neue F-Gase-Verordnung plus die rasante Entwicklung rund um Kühlung und Wärmerückgewinnung – wie ganz allgemein der Energieverbrauch und die neuste Gesetzeslage dazu ein latent brennendes Thema für alle Beteiligten darstellte. Im privaten Kreis wurde gerne die Frage erörtert, ob der Diesel nun am Ende ist – sowohl als Brennstoff für Notstromaggregate im Rechenzentrum als auch für die Dienstwagen der RZ-Betreiber.

 

„Was wirklich für Aufsehen sorgt auf der future thinking ist für mich das Thema Edge-Rechenzentrum“, so Jörg Poschen, Head of Marketing bei der Daxten GmbH. „Noch ist ‚Edge‘ nicht eindeutig definiert, aber seit 2011 verfolgen wir gespannt die Entwicklung.“ Aktuell harrt er auf eine Normierung des Konzeptes von kleinen Datacenters an der Quelle von Daten, etwa direkt in Turbinen von Windkraftanlagen.

Auch Bernhard Seibold, zuständig für das Systems Engineering bei der Thomas Krenn AG, berichtete von einem Boom bei Edge-Rechenzentren. „Bis vor drei Jahren galt die Cloud als DER Heilsbringer der Branche, seit dem bauen und installieren wir in zunehmendem Maße kleine, kompakte Edge-Rechenzentren direkt vor Ort.“ Der Grund dafür liegt in der mangelnden Bandbreite der Verbindungen zwischen „echtem“ RZ und der Quelle von Daten, etwa im IoT-Umfeld. Besser ist es, die Daten direkt vor Ort auszuwerten und nur die Ergebnisse ins „Mutterhaus“ zu übermitteln.

Die Herausforderung dabei sind teilweise extrem unwirtliche Bedingungen, wobei Kuhställe noch zu den besseren Locations zählen (wiewohl die Landwirte, heutzutage industriell aufgestellt, durchaus zu einer prosperierenden Klientel geworden sind). Auch ätzende Stoffe, große Kälte und/oder Hitze oder eine hohe Staubbelastung können den kleinen Edge-Superrechnern stark zusetzen, weswegen man mit Stahlbauern zusammen nach der jeweils besten Schutzhülle suchen müsse.

 

Energie war das zweite große Thema der future thinking

Bernhard Seibold, zuständig für das Systems Engineering bei der Thomas Krenn AG, berichtete von einem Boom bei Edge-Rechenzentren

Neben Edge zählt für Seibold die Energieversorgung und die Notwendigkeit von Stromeinsparungen zu den drängendsten Themen der Branche genauso wie für die future thinking. Diese Herausforderung nahm auch Hessen u.a. in Person von Elias Spreiter vom hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie Verkehr und Landesentwicklung in seinem Vortrag an. Kein Wunder, Rechenzentren zählen in dem Bundesland dank des Internet-Knotens in Frankfurt zu den größten Stromverbrauchern.

 

 

„Die Politik hat langsam verstanden“, kommentierte Staffan Reveman, der seit 1982 in der Branche der Stromversorgungstechnik in leitenden Positionen tätig ist. „Gerade im hessischen Wirtschaftsministerium reift die Erkenntnis, dass man angesichts der hohen Stromkosten in Deutschland – viermal so hoch wie beispielsweise in Schweden – neue Konzepte verfolgen muss.“ Er hofft auf veränderte Rahmenbedingungen durch die Politik.

Gespannte Erwartung am Galatisch des future thinking-Veranstalters Ulrich Terrahe

Am Abend des ersten Tages waren sich aber alle Teilnehmer einig – nämlich bei der Feier zur Vergabe des Deutschen Rechenzentrumspreises. 51 innovativen Einreichungen waren ins Rennen gegangen, an acht davon verlieh die TV-Moderatorin Joey Grit Winkler einen Award, ausgewählt durch eine Jury. Für den Publikumspreis wurden auf dem Fachportal DataCenter-Insider deutlich mehr Stimmen abgegeben als die Jahre zuvor, rund 4000 waren bis zum 24. April zusammengekommen. Dies sind die Gewinner.

 

 

future thinking zieht weiter

Veranstalter Terrahe ist derweil bereits mit der Planung der future thinking 2019 beschäftigt – dann aber aller Voraussicht nach an einem anderen Ort. „Die Messe hat in diesem Jahr ihr Bild deutlich verändert, so haben wir erstmalig den Marktplatz hereingenommen und mittig platziert. Gleichzeitig aber hatten einige Aussteller Terminprobleme – kurz: Wir müssen zunächst die diesjährige Veranstaltung auswerten, dann entscheiden wir, wo es hingeht.“.

Der “Marktplatz” der future thinking wird im kommenden Jahr wohl woanders aufgeschlagen.

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