Alle wollen Breitband – der Weg dahin ist aber umstritten. Wir zeigen die historischen Gründe für das Hinterherhinken Deutschlands in Sachen Glasfaserausbau auf und beschreiben die jüngsten Entwicklungen.

Immer mehr Daten laufen über das Internet. Der Netzwerkausrüster Cisco prognostizierte 2016 nahezu eine Verdoppelung des weltweiten IP-Internet-Datenverkehrs auf 190,47 Exabyte bis 2020. Das impliziert eine jährliche Zunahme von 25 Prozent. Länder, die auch in Zukunft wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben wollen, tun also gut daran, flächendeckend breitbandiges Internet anzubieten. Eigentlich.

Kupferkabel

Denn nachdem die Kohl-Regierung in den 80er Jahren unbestritten die Weichen falsch gestellt hat, hinkt Deutschland im internationalen Vergleich beim Breitbandausbau hinterher. Nach wie vor wird auf Kupferkabel gesetzt, die in der Regel seit über 50 Jahren die „letzte Meile“ ausmachen und aktuell per Vectoring beziehungsweise Supervectoring fit für die digitale Zukunft gemacht werden sollen.

Das macht für Privathaushalte sogar Sinn: Vorausgesetzt, der Filius lädt nicht auf semiprofessioneller Basis Filme aus dem Netz, reicht einem Haushalt eine Bandbreite von 100 Mbit/s dicke. Allen Unkenrufen – und davon gibt es viele– zum Trotz bewegt sich Deutschland was die Bandbreite betrifft im vorderen Mittelfeld – es könnte also schlechter um das Internet bestellt sein. Doch Unternehmen und deren Rechenzentren haben im Zuge der Digitalisierung andere Ansprüche, sie benötigen Bandbreite, Bandbreite und nochmals Bandbreite.

Die parteiübergreifende Forderung lautet daher, dass Deutschland eine „Gigabit-Nation“ werden müsse, das steht sogar im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Gigabit bedeutet in diesem Fall Übertragungsraten von über 1 Gbit/s. Das schaffen aktuell und voraussichtlich auch in Zukunft ausschließlich Anschlüsse, bei denen Glasfasern bis ins Gebäude (FTTB) bzw. bis in die Wohnungen (FTTH) gelegt werden. Davon gibt es aber nachweislich sehr wenige: 2014 lag Deutschland in einem Vergleich von 15 europäischen Ländern beim Glasfaser-Ausbau an letzter Stelle, gerade einmal ein Prozent der Haushalte war entsprechend angebunden

 

Historische Weichenstellung

Auf den letzten Metern zum Endkunden liegt in Deutschland – das weiß mittlerweile jedes Schulkind –in der Regel Kupferverbindungen, die Bandbreite ist trotz neuer Verfahren wie Vectoring und Supervectoring limitiert. Vernünftig wäre es daher natürlich, eine komplett neue Netzinfrastruktur aufzubauen. “Wir müssen uns von jeglichen Übergangstechnologien verabschieden und dürfen nur noch auf reine Glasfaser setzen. Jetzt noch Ausbauprojekte auf Basis antiquierter Kupferleitungen umzusetzen, wäre geradezu fahrlässig”, so gerade der Geschäftsführer des Bundesverbandes Breitbandkommunikation (Breko) Stephan Albers.

Die Erkenntnis ist nicht neu, man hatte das bereits Ende der 70er Jahre eingesehen. Der Regierung Schmidt war klar, dass Glasfaser das Mittel zur Wahl ist, 1981 wurde der flächendeckende Ausbau mit Glasfaser in Westdeutschland bis 2015 beschlossen. Zwei Jahre später warf die Regierung Kohl die Weichen jedoch komplett um, Postminister Schwarz-Schilling hatte daran maßgeblichen und im Rückblick äußert unrühmlichen Anteil. Bereits vor Jahren hat der Münchner Blogger Timo Hetzel die betreffenden Spiegel-Artikel zum verhinderten Breitbandausbau gesammelt. Sein Resümee: „Schwarz-Schilling ist bis wenige Stunden vor seiner Vereidigung als Postminister Teilhaber an einer Kupferkabelfirma, die den Auftrag von der Post bekommt. Während er Minister ist, ist seine Frau für die Kabelfirma zuständig.“ Die Affäre wurde auch von der Wirtschaftswoche nachrecherchiert.

Zugutehalten kann man dem damaligen Postminister, dass sich Kupfer bewährt hatte, während sich die Glasfasertechnologie noch im Erprobungsstadium befand und sehr, sehr teuer war. Die wirtschaftlichen Vorteile eines Glasfaserausbaus waren zu dieser Zeit zwar abzusehen – so sollen sich Vertreter der japanischen Regierung über den Schuss ins Bein der deutschen Regierung gefreut haben, der damalige französische Post- und Fernmeldeminister Louis Mexandeau setzte im Gegensatz zu Schwarz-Schilling total auf die Glasfasertechnik-, aber noch nicht wirklich greifbar. Zudem konnte man damals das Internet in seiner heutigen Form nicht vorhersehen, bei „Leitungen“ dachte man vorrangig an Fernsehkabel. Überhaupt war der Streitpunkt damals die Einführung von Privatfernsehen, das die Kohl-Regierung gegen eine vermeintliche oder tatsächliche „linke Meinungsmache“ durch Sendungen wie „Monitor“ in den öffentlich-rechtlichen Sendern positionieren wollte.

Und zunächst sollte Schwarz-Schilling recht behalten: Tatsächlich ernteten z.B. die französischen Nachbarn für ihren Glasfaserausbau viel Häme, die Anschlüsse waren für Privathaushalte praktisch unerschwinglich. Glasfasertechnik erhielt erst nach und nach die heutige Reputation. Anfang der Neunzigern wurde durch den immer noch amtierende Minister Schwarz-Schilling der Bau eines Glasfaser-Backbone auf der Linie Hamburg – München angeordnet, wodurch der Bundesrepublik das weltweit erste funktionierende Glasfasernetz zufiel. Durch die Privatisierung der Bundespost in zwei Teilen – Telekom und Bundesnetzagentur – geriet Glasfaser wieder ins Hintertreffen.

 

Glasfaserausbau dümpelt seit Jahren vor sich hin

Glasfaserausbau

Seitdem hat es viele Absichtserklärungen, nicht zuletzt durch Kanzlerin Merkel, gegeben, doch wirklich durchgesetzt hat sich Glas in der Fläche nicht. Mitte 2017 konnten hierzulande gerade einmal rund 2.1 Millionen Haushalte auf “echtes” Glasfaserinternet zugreifen. Das hat viele Gründe: Der Ausbau erfolgte in der Regel auf Basis einer kleinteiligen Projektförderung auf Landkreisebene oder auf kommunaler Ebene. Doch Städte und Kreise zeigten sich mit der Breitbanderschließung überfordert, EU-Vorschriften machen beispielsweise Ausschreibungen erforderlich, die den Projektbeginn um Monaten oder sogar Jahre hinausschoben.

Auch Unternehmen bissen sich im Bemühen um schnellere Netze die Zähne aus, und das, obwohl die Bundesregierung im Januar 2017 ein Sonderprogramm zum Anschluss von Unternehmen in Gewerbegebieten an das Glasfasernetz initiiert hat. „Wir steigern die Dynamik des Netzausbaus in Deutschland weiter und bringen Gigabit-Netze zu den kleinen und mittleren Unternehmen, die unter normalen Marktbedingungen bislang keinen Breitbandzugang erhalten haben. Mit dem Sonderprogramm Gewerbegebiete lösen wir Investitionen von mehr als einer Milliarde Euro aus. Die Förderanträge werden zügig behandelt, Zusagen sollen schnell erfolgen. Dadurch stärken wir unseren Mittelstand, einen zentralen Erfolgsfaktor für Wachstum, Wohlstand und Arbeit in Deutschland“, verlautete der damals zuständige Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Alexander Dobrindt.

Im Rahmen des „Sonderprogramms Gewerbegebiete“ wurde 2017 ein Breitbandausbau mit einer Mindestgeschwindigkeit von 1 GBit/s (symmetrisch, also Up- und Download) versprochen. Der Fördersatz betrug im Regelfall 50 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten. Der Höchstbetrag pro Projekt lag bei einer Million Euro. Die Beantragung von Fördermittel wurde jedoch zu einer Wissenschaft für sich, was sich nicht zuletzt darin niederschlug, dass bereitstehende Fördergelder nur im Promillebereich abgeschöpft wurden.

Im zweiten Artikel unserer Glasfaserausbau Serie erfahren Sie, welche Maßnahmen die aktuelle Regierung für unseren Fortschritt in Deutschland in die Wege geleitet hat.

 

 

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