In Deutschland kriechen die Daten oft noch durch Kupfer-Nadelöhre. Mitte vergangenen Jahres waren gerade einmal knapp über zwei Millionen Haushalte mit Glasfasern angeschlossen. Auch Unternehmen bissen sich im Bemühen um schnellere Anbindungen oft die Zähne aus. Trotz des Sonderprogramms zum Anschluss von Unternehmen in Gewerbegebieten im vergangenen Jahr, das von Bundesminister Andreas Scheuer kürzlich „upgedated“ wurde. Wie sehr tangiert das alles eigentlich die Rechenzentrumsbranche?

 

Gerd Simon

„Sehr!“, befindet Gerd Simon, Senior Analyst bei Crisp Research. „Der Ausbau des Glasfasernetzes in Deutschland ist sehr wichtig für die Rechenzentrumsbranche, denn das Rechenzentrum ist der Konzentrationspunkt der Infrastruktur-Wertschöpfungskette. In einem Rechenzentrum kommt die digitale Welt mit der realen zusammen. Ein Rechenzentrum ist nur sichtbar, wenn zu ihm schnelle Wege führen, je schneller, je breiter – desto besser. Daher muss die gesamte Wertschöpfungskette eines Internet-Anschlusses – die sogenannte Internet Access Value Chain – bis zum Nutzer selbst letztendlich verglast werden, d.h. über den lokalen Anschlusspunkt im Kabelverzweiger hinaus und somit inklusive des Hausanschlusses breitbandig ausgebaut werden.“

Damit aber nicht genug: „Dasselbe gilt nicht nur im Festnetzbereich, sondern auch im Bereich des Mobilfunks, überall gibt es die lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Verteilnetze und Gateway-Strukturen. In Deutschland finden sich aber noch jede Menge telekommunionstechnische ‚Feldwege‘, zu viele. Diese waren bei den Römern gepflastert und modern, wir nutzen selbstverständlich mehrspurige Autobahnen, und brauchen gerade digitale dringender denn je – um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.“

Man dürfe die Rechenzentren aber nicht für sich alleine betrachten, sie seien ja in erster Linie Erfüllungsgehilfen für die Bedürfnisse der Nutzer aka Bürger. „Deutschland braucht schnelle Glasfaserverbindungen, weil der Bürger sich vom Empfänger von Botschaften und Inhalten immer mehr zum Produzenten derselben entwickelt. Für den sogenannten „Prosumer“ sind Upload-Raten genauso wichtig wie die für den Download. Nach wie vor ist das Internet in Deutschland aber Download-lastig.“

 

Glasfasern besonders wichtig für Colocation Anbieter

Simons Fazit: „In Deutschland muss also der Glasfaserausbau schnellstmöglich vorangetrieben werden, alles andere ist finsteres Mittelalter. Hoffnung macht, dass die Mobilfunker in Deutschland ihre Masten schon weitestgehend ‚verglast‘ haben. Sie sind den Festnetzanbietern um einiges voraus.“

Rechenzentrum ist nicht gleich Rechenzentrum, manche haben besondere Ansprüche: „Für die Betreiber von Colocation-Rechenzentren sind Glasfasern noch einmal wichtiger, weil sie sehr heterogene und kleinteilige Nutzerstrukturen vor Ort haben. Sie lösen das Problem pragmatisch auf dieselbe Art, wie es mittlerweile viele Kommunen in Deutschland tun: Sie übernehmen den Glasfaseranschluss und -ausbau selbst. Im Falle der Kommunen ist das essentiell, weil nur so neues Gewerbe angesiedelt und die Jugend im Dorf beziehungsweise der Kleinstadt gehalten werden können.“

 

Ist die Glasfaserzukunft multimodal?

Bei der Verkabelung von RZ gilt es jede Menge Rechtsnormen einzuhalten., allen voran die europäische Norm EN 50173-5 für anwendungsneutrale Kommunikationskabelanlagen für Rechenzentren. Und die DIN EN 50173-1, die DIN EN 50173-2, die DIN EN 50173-5, die EN 50600-2-4… Um das unaufhaltsame Wachstum der Datenmengen durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche zu bewältigen, ist es für das Rechenzentrum aber vor allem wichtig, über ausreichend breite Glasfaserverbindungen zu verfügen. Betreiber haben die Wahl zwischen Singlemode- und Multimode-Fasern (SMF/MMF).

Bis vor kurzemwar die Entscheidung zwischen Singlemode und Multimode einfach – erstere bot die höchste Bandbreite zu einem hohen Preis, letztere eine kostengünstige Alternative für nachrangige Anwendungsfälle. MMF unterstützen einen Großteil der heutigen Anwendungen und Reichweiten im Rechenzentrum zu einem kleinen Preis. Am Markt erhältlich war bislang die Multimode-Fasertypen OM1 mit 62,5 µm und OM2, OM3 sowie OM4 mit 50 µm Kerndurchmesser. Diese sind für eine Übertragung im Bereich von 850 nm Wellenlänge geeignet.

Nun drängt sich die neue optische Verkabelungsklasse OM5 in den Vordergrund, die eine höhere Reichweite und Übertragungsgeschwindigkeit durch SWDM Technik (Short Wave Division Multiplexing) bietet. Eine EFB-OM5-Glasfaserverkabelung sollte die Leistungsfähigkeit und Verbindungsqualität eines RZ also steigern, allerdings sind sich da nicht alle Analysten einig.

 

Macht OM5 Sinn?

„Bei neuen Fasertypen war es in der Vergangenheit immer so, dass sich rasant schnell eine Marktforderung danach angeschlossen hat, ob notwendig oder nicht. So war es bei OM4. Tatsächlich, der Schwenk brachte Vorteile mit sich, ausgedrückt in größeren Längen sowohl für neue als auch für ältere Übertragungsverfahren“, so Hartmut Kell, bei ComConsult Leiter des Competence-Centers IT-Infrastrukturen.

Wird aber auch die OM5 diesen Mehrwert offerieren? Teils-teils, meint Kell: „Bei den bereits standardisierten Übertragungstechniken ist weder eine größere Länge möglich, noch kann auf den Einsatz von MPO-Technik verzichtet werden.“ MPO-Verbindungen (Multipath Push-On) bieten eine gute Plug-und-Play-Funktionalität für die Rückraumverkabelung und können leicht auf höhere Übertragungsraten migriert werden.

„Bei neuen Übertragungstechniken wird die OM5 den Einsatz von MPO vermutlich weiter hinausschieben können, da sie durch Nutzung von mehreren Wellenlängen besser zur Parallelübertragung der Signale geeignet ist. Ein möglicher Vorteil bei der Planung und Nutzung der Verkabelung im RZ. Aber als Backbone-Medium wird die OM5 keine Verbesserung im Vergleich zur OM4 sein, hier ist der Singlemodefaser den Vorzug zu geben“, so Kell.

 

Kabel bleiben erhalten

Er bremst übrigens auch all diejenigen aus, die auf ein Ende des Datenkabels im RZ hoffen: „Einige Experten empfehlen heute eine fast vollständige Verabschiedung von der traditionellen IT-Verkabelung zur Anbindung von Geräten im Tertiärbereich. Bereits Anfang des 2. Jahrtausends wurde eine Lebensdauer der anwendungsneutralen Kommunikationsverkabelung von nur noch weniger als zehn Jahren prognostiziert. Die Realität heute sieht aber anders aus“, so der Analyst.

„In modernen Gebäuden geht die Anzahl der kabelgebundenen Netzanschlüsse sogar nach oben. Der Grund liegt darin, dass auch die bisher ‚vernachlässigten‘ Kommunikationstechniken wie z.B. Gebäudeleittechnik, LED-Beleuchtung über PoE oder auch dichter platzierte Access-Points zusätzliche LAN-Verbindungen benötigen. WLAN als Basis für eine hochverfügbare Gebäudetechnik bietet jedoch weder eine 100prozentig zuverlässige Netzinfrastruktur, noch sind die zu vernetzenden Geräte WLAN-tauglich. Ein Ende der Datenkabel-Ära ist also weiterhin nicht in Sicht.“

 

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